Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Cadfaels Basstelecke Cadfaels Basstelecke
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 979 mal aufgerufen
 Reviews Gitarre
Cadfael Offline




Beiträge: 70

19.06.2008 17:46
Justin Chicago 2006 - Anfängergitarre für 69 Euro? antworten
Review vom 29.10.2006


Vor 10 Tagen habe ich mir eine Justin Telecaster "Chicago Std. Mod.2006" in "Cream" für 69 Euro per Internet gekauft. Die Gitarre wird z.B. über Amptown in Hamburg, oder das Sound & Drumland in Berlin angeboten (worüber ich sie auch bestellt hatte).

Die Gitarre soll einen massiven Lindenkorpus haben, hat teletypisch 2 SingleCoils, Volume- und Tone-Poti, sowie einen Dreiwegschalter.

Die Gitarre kam gut verpackt und wohlbehalten an.
Anscheinend reichte bei diesem Preis das Geld nicht mehr für einen Aufkleber, der das Herkunftsland verrät. Das Gewicht ist in etwa gleich wie das meiner Squier Strat - vielleicht etwas höher. Der Text behauptet zwar die Tele habe ein Rosewood-Griffbrett, aber auf den Bildern ist ein Ahorngriffbrett zu sehen - was auch der Realität entspricht. Einen One-Piece-Maple-Neck kann man für diesen Preis natürlich nicht erwarten. Das Griffbrett ist auf den Ahornhals aufgeleimt. Der Hals liegt angenehm in der Hand und ist seidenmatt lackiert. Die Form der Kopfplatte entspricht nicht 100% der Tele, ist aber zum verwechseln ähnlich. Der Sattel verläuft schief zum Tiefen E hin nach oben. War das Absicht, oder hatte da jemand einen schlechten Tag?
Dass die Mechaniken unterster Standard sind, dürfte klar sein. Stimmen kann man die Gitarre aber halbwegs gut. Der Begriff Vintage-Mechaniken aus dem Werbetext soll wohl eher andeuten, dass man nicht mit Qualität rechnen sollte.

Die Saiten werden, anders als beim Original, nicht durch den Korpus geführt, sondern werden durch Löcher in der L-förmigen Steghalterung gesteckt. Anscheinend wurde meine Tele wirklich in einer chinesischen Todeszelle gefertigt – und der Häftling hatte zwei Stunden zuvor seinen Hinrichtungstermin mitgeteilt bekommen, denn auf der Stegplatte sind tiefe Riefen on den Saitenreitern zu sehen, die sogar durch die dünne Chromschicht gehen.

Eigentlich war mir schon vor dem Kauf klar, dass ich die Gitarre total auseinander schraube. Vorher hätte ich mir den Steg genauer ansehen sollen!
Die vier Halsschrauben halten gut im Hals, sind jedoch leicht unrund - was das Losschrauben zum eiern macht. Warum ich schreibe, dass sie gut halten? Weil man das von den Schrauben des Pickguards (=Schlagbretts) und der Elektrikabdeckung nicht gerade behaupten kann. Falls der Body aus Lindenholz ist, scheint es sehr frisches Holz zu sein - oder altes marodes …

Nachdem alle Abdeckungen entfernt sind, bietet sich ein abenteuerlicher Blick auf die Lackierung (die etwas cremig gelber ist als auf den Fotos - aber nett anzusehen). Im Elektrikfach und unter dem Steg sind lange dicke Lacknasen zu finden.

Erstmal entferne ich den Steg-Pickup aus dem Steg, denn die Klebebandummantelung der Pickup-Spule ist so schlecht, dass ich beschlossen habe, ein paar Lagen guten deutschen Isolierbandes drüber zu wickeln.
Der Hals-Pickup ist nicht am Pickguard, sondern auf dem Boden der Tele befestigt. Beide Varianten gab’s auch im Original. Allerdings waren beim Original die Schrauben wohl nicht so schief drin wie bei meiner Justin Chicago / Telecaster. Lustigerweise ist in er Metallkappe des Pickups ein da. 1 cm langer und 0,5 mm breiter Spalt an der Oberseite!!! Da hat wohl in China das Lötzinn nicht gereicht. Oder besagter Todeskandidat war wieder am Werk. Merkwürdig; anscheinend hat sich niemand im Sound & Drumland die Gitarre jemals angesehen. Auf jeden Fall wickle ich auch noch mal etwas Isolierband um das leicht wackelnde Metallgehäuse und befestige es damit am Pickup selbst.

Volume- und Tone-Poti sind zwar etwas schwergängig, aber sie kratzen zumindest nicht. Was jedoch sehr stört ist, dass die verchromten Knöpfe gute 5 mm über der Elektronikabdeckplatte stehen. Also Knöpfe runter, Potis raus, passende Unterlegscheiben gesucht (man kann auch alte Muttern nehmen) und zwischen Potis und Abdeckplatte gelegt. Dann die Potis wieder angeschraubt und die Knöpfe wieder drauf. Jetzt stehen sie nur noch 1 bis 2mm über der Platte. Prima! So, alles wieder zusammengeschraubt …

Jetzt die Oktavreinheit einstellen! Doch; oh Schreck!!!
Dass das Stegblech total verkratzt war hatte ich bereits gemerkt. Was mir nicht aufgefallen war: Alle Saitenreiter (es sind 6 statt der abgebildeten 3) sind bis ultimo angezogen! Einzige Möglichkeit die Gitarre einzustellen ist, den Steg nach hinten zu versetzen …
Gesagt, getan. Also alle sechs Saitenreiter abschrauben, denn anders kommt man nicht an die vie Befestigungsschrauben für das Halteblech. Theoretisch komme ich zwar weiter als 6 mm nach hinten, aber dann sähe man bereit die Pickupausfräsung (die übrigens auch einen Humbucker aufnehmen könnte.
Also bohre ich vorsichtig vier neue Löcher für die Steghalterung und befestige den Steg wieder. Die Schrauben sagen mir, dass ich das nicht allzu oft machen soll. Jetzt lassen sich die Saitenreiter gerade eben so einstellen, dass die Gitarre weitestgehend oktavrein ist.

Im Werbetext heißt es (Zitat): Wenn nichts mehr hilft, die ganze Band schon kurz vorm Aufgeben ist , weil der Song einfach nicht gelingen will, dann ist die Zeit dieser "telegenen" Gitarre gekommen um mit ihrem unnachahmlichen "TWANG" neues Leben und Inspiration in die Musik zu bringen!
Hm; das telegene TWANG finde ich nirgends - und ohne Fortgeschrittenenkenntnisse dürfte eher der Besitzer als die Band am Aufgeben sein.
In Steg und Mittelposition klingt die Gitarre aber sogar ganz gut! Dummerweise stellt sich nach ein paar Tagen ein fieser Wackelkontakt beim Halspickup ein. Ich tippe zuerst auf den Dreiwegschalter – aber der ist okay! Dummerweise hat sich bei dieser Aktion eine der beiden Befestigungsschrauben ganz durchgedreht – aber ich habe zum Glück noch eine passende längere Schraube in meiner Bastelkiste.
Schuld am Wackelkontakt ist der Halspickup selbst. Ich hätte ihn wohl nie bewegen dürfen. Da der mir der Halspickup zu dumpf klingt, schaue ich mal, ob ich die Kappe nicht abmachen kann. Sie hat ja eh ein Loch. Nach dem Öffnen mache ich die Kappe wieder drauf. Da ist wohl irgendeine Klebemasse, die eigentlich die Kappe halten sollte? Auf jeden Fall ist der Pickup offen nicht zu gebrauchen. Nachdem ich das Phase-Kabel ebenfalls mit Isolierband umklebt habe, ist zumindest der Wackelkontakt weg.

Resume:
Im Vergleich zu meiner Squier Fender Bullet Strat (109 Euro) ist diese Justin Chicago 2006 absoluter Schrott. Die Squier hat trotz ihres Preises eine gute Verarbeitung, besseres Holz und eine meilenweit bessere, vertrauenserweckende Elektrik. Das schlimmste an der JustIn ist wohl, dass man sie nur durch das Versetzen des Stegs oktavrein kriegen konnte.
Was mache ich jetzt mit der Justin? Ein schönes Bild kostet mehr als 69 Euro. Also wäre sie als Wandschmuck gar nicht sooo teuer. Aber nach den ganzen Einstellungen und Verbesserungen lässt sie sich auch als Gitarre benutzen. Hätte sie halbwegs die Qualität der Squier Strat gehabt, hätte sie ein oder zwei neue Pickups bekommen; aber bei dieser Qualität lohnt das wirklich nicht. Der Halspickup klingt mir alleine zu dumpf, aber in Steg- oder Mittelposition gefällt der Klang.
 Sprung  
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de